Zum Vortrag des Antwortpsalms

Der Psalter ist zum Gesangbuch der christlichen Liturgie geworden und das in einem Maße, das seinen israelitischen Ursprung nicht selten vergessen ließ. Seit ältester Zeit schöpft das Proprium der Messe weitgehend aus den Texten des alttestamentlichen Psalmenbuches. Die Tagzeitenliturgie erhielt ebenfalls von Anfang an ihr Gepräge durch das Rezitieren von Psalmen.

Für beide Gottesdienstformen bildeten sich in der lateinischen Liturgiefamilie unterschiedliche Vortragsweisen heraus. Im klösterlichen Stundengebet werden die Psalmen meist antiphonal, also im Wechsel zweier Gruppen Vers für Vers gesungen. Der Psalm als Ganzes wird von einer Antiphon gerahmt. In der Messe herrscht die responsoriale Singweise vor, bei der auf die von einem Einzelnen vorgetragenen Verse jeweils alle mit einem Kehrvers antworten.

Entsprechend der Verteilung des Textes auf verschiedene liturgische Akteure ist auch musikalisch ein Unterschied greifbar. Während die antiphonale Singweise auf festen Modellen (Psalmtönen) basiert, hat der einzelne Vorsänger bei der responsorialen Psalmodie größere Freiheiten. Ein Blick auf die gregorianische Tradition bestätigt dies: Die Rahmenverse (A) von Introitus, Graduale, Offertorium und Communio sind oft virtuos auskomponierte Musik. Der im Schema A-B-A zwischengeschobene Psalmvers (B) tritt daneben kaum in Erscheinung. Umgekehrt verschwinden im Stundengebet die rahmenden Antiphonen in der Wahrnehmung leicht hinter den vielen Versen des im Psalmton gesungenen Textes.

Restaurierung des Antwortpsalms

Mit der muttersprachlichen Liturgie wurden die traditionellen Psalmengesänge bei der Messe zurückgedrängt – Eröffnungs- und Kommunionvers stehen noch heute im Messbuch, das Offertorium findet sich nur noch im Graduale bzw. Messantiphonale. Aufgewertet wurde demgegenüber der Psalm nach der Lesung. Anders als beim lateinischen Graduale werden nicht mehr nur zwei Verse aus dem Psalm entnommen, sondern bis zu acht. Das entspricht der historischen Rolle dieses Gesanges, bei dem es sich ursprünglich um eine weitere Lesung aus dem Buch der Psalmen handelte. Erst nach und nach wurde sie verkürzt und analog zu den anderen Gesängen des Messpropriums gestaltet, an deren Stelle einst ebenfalls der jeweilige Psalm in voller Länge gesungen wurde. Immerhin begleiten Introitus, Offertorium und Communio oft länger andauernde Prozessionen.

Diese „neue“ Form des Antwortpsalms nach der Lesung greift zurück auf traditionelle Muster gemeindlichen Gebets: mit Akklamationen beteiligte sich das Volk am Gebet des Vorstehers, mit Kehrversen stimmte es in den Gesang des Psalmisten ein. Dass die responsoriale Form bereits in der Tempelliturgie Israels ihren Platz hatte, beweist Ps 136, bei dem die liturgische Praxis ihren Niederschlag im Text selbst gefunden hat. Jede preisende Anrufung (des Vorbeters) im ersten Halbvers beantwortet das Volk im zweiten Halbvers mit dem Responsum „denn ewig währt sein Erbarmen“. Es ergibt sich ein fast litaneiartiges Hin- und Herwogen des Textes. Auch in anderen Psalmen ist eine solche responsoriale Struktur partiell nachweisbar.

Anforderungen an den Antwortpsalm

Was bedeuten diese historisch-liturgischen Vergewisserungen nun für den Vollzug des Antwortpsalmes in Messe und Wort-Gottes-Feier*? Die klare Differenzierung der liturgischen Funktionen und musikalischen Formen zwischen antiphonal geprägter Tagzeitenliturgie einerseits und responsorial geprägter Messe andererseits, zieht nach sich, dass antiphonale Formen beim Antwortpsalm keinen Platz haben. Der sinnerschließende solistische Vortrag folgt anderen Gesetzen als das antiphonale Singen zweier Gruppen. Und das nicht nur bezüglich der Vortragsweise, sondern gerade auch das musikalisch-textliche Material betreffend. Zum einen passen die (gregorianischen) Psalmmodelle des Stundengebets nicht recht zum solistischen Vortrag eines Psalms – auch nicht in ihrer auf vier Zeilen ergänzten Form. Denn beim Antwortpsalm hat nicht ein Melodieschema, sondern allein der Text im Vordergrund zu stehen. Auch ist beispielsweise die Asteriskus-Pause hier völlig deplaziert. Zum anderen entsprechen die (längeren) Antiphonen des Stundengebets nicht den Notwendigkeiten eines einprägsamen Responsums. Dieses muss nach einmaligem Hören ohne Schwierigkeiten auswendig nachgesungen und während des Vortrags des Psalmisten auch leicht memoriert werden können.

Dass die Psalmen im Gotteslob fast ausschließlich klassischen Psalmodiemodellen unterlegt sind, weist sie eindeutig der Tagzeitenliturgie zu. Auch die wenigen alternativen Singweisen für Psalmen und Cantica, die sich nun glücklicherweise im Gesangbuch finden, sind eher für antiphonales Singen gedacht. Dies ist konsequent, denn der Psalmtext selbst muss bei responsorialem Vortrag im Rollenbuch des Kantors und nicht in dem der Gemeinde enthalten sein.

Schaut man sich den Bestand von Versen und Rufen im Gotteslob an, finden sich nur etwa ein Dutzend, die die nötige Kürze haben, wirklich als Kehrvers in der responsorialen Psalmodie verwendet zu werden. Und die müssten dann auch wiederum nicht im Rollenbuch der Gemeinde erscheinen, da sie ja auswendig gesungen werden können. Der Großteil der Verse im Gesangbuch sind jedoch Antiphonen, die in der Stundenliturgie den deutenden Rahmen für einen Psalm abgeben. Diese sind textlich und melodisch deutlich komplexer als die Kehrverse responsorialer Psalmodie. So gesehen ist das Gotteslob was die Psalmen angeht eindeutig an den Bedürfnissen der Tagzeitenliturgie orientiert.

Hinzu kommt das Problem der Texttreue der Kehrverse: Nur für zwei Drittel der als Antwortpsalm in der Messe gebrauchten Psalmen stellt das Gotteslob einen Kehrvers bereit und dabei keineswegs immer den, den das Lektionar vorsieht. Zwar wurden viele davon neu vertont, doch fanden nur wenige wirklich Eingang ins Gesangbuch.

Für den Vortrag des Antwortpsalms stünden demnach zweierlei Forderungen im Raum: Zum einen müssten aus den Kehrversen des Lektionars kurze und kürzeste Kehrverse entwickelt werden, die den Ansprüchen responsorialen Singens wirklich genügen. Dabei ist auch ein Umdenken in der gemeindlichen Praxis nötig: (Längere) Antiphonen aus dem Gotteslob als Kehrverse für Antwortpsalmen zu verwenden ist wesenfremd für responsoriale Psalmodie. Auch ist die Praxis, das Responsum jeweils erst nach zwei Psalmversen (vier Textzeilen) folgen zu lassen, zu hinterfragen. Einen kurzen Ruf nach jedem Psalmvers (zwei Textzeilen) folgen zu lassen, wie das bereits die von Joppich, Reich und Sell herausgegebenen „Preisungen“ anregten, wäre passender. Zum anderen wären Melodien für den solistischen Psalmvortrag zu entwickeln, die eher bei der Kantillation als beim Belcanto ansetzen. Die Vertonungen im Freiburger und Münchener Kantorenbuch, im Schott-Kantorale oder diversen Online-Publikationen haben sicher ihre Berechtigung. Doch stellen sie für viele Sänger oft immer noch eine allzu große Hürde dar. Selbst versierte Solisten haben bei kirchentonalen Kompositionen oder allgemein beim Sprechgesang oft ihre Schwierigkeiten. Auch bezüglich der gregorianischen Psalmmodelle ist ein Umdenken nötig. Selbst in der auf vierzeilige Modelle ergänzten Variante sind sie dem solistischen Vortrag wesenfremd. Erfahrungsgemäß greifen zu dieser Lösung gern Sänger, die sich im antiphonalen Singen der Psalmen zuhause fühlen. Stattdessen müsste der Ansatz beim Antwortpsalm ein gänzlich anderer sein.

Der Antwortpsalm beleuchtet die vorangegangene Lesung aus einer neuen Perspektive und hilft der Gemeinde, das Gehörte zu „verdauen“. Wenn nach der Lesung und einer hinreichenden Stille der Kehrvers angestimmt wird, er einem gleich einem Mantra ins Herz fällt und damit den „roten Faden“ für den Vortrag des Psalmisten abgibt, macht dies Gotteswort und Antwort gewiss zum geistlichen Erlebnis. Die dialogische Grundstruktur der Liturgie wird zur Erfahrung.


* Wenn im Folgenden von „Messe“ die Rede ist, sind alle Situationen gemeint, in denen der Antwortpsalm die gleiche Funktion besitzt wie im Wortgottesdienst der Messe, also innerhalb der Wort-Gottes-Feier, aber z.B. auch in Vigilien, die nach dem Muster der Osternacht gestaltet sind.

erschienen in: MusicaSacra 6/2016, S.352