Marcel Dupré

Marcel Dupré: Evocation, Fifteen Pieces, Suite Bretonne. Johannes von Erdmann an der Orgel der Pfarrkirche St. Martin zu Lorch am Rhein. Opus 7057-2. Melisma Musikverlag Wiesbaden.

Dupré Orgelwerke

Die 1984 erbaute, 41-registrige Orgel der Martinskirche in Lorch setzt einen romantisch-süddeutschen Akzent in der reichen mittelrheinischen Orgellandschaft. Knapp die Hälfte der Register wurden aus der 1880 erbauten Vorgängerorgel übernommen. Es macht einen besonderen Reiz aus, auf solch einem Instrument selten gespielte Orgelwerke Marcel Duprés zu hören.

Dupré galt zeit seines Lebens als großartiger Improvisator, der das Publikum durch die vollendete Durchbildung der musikalischen Form in Bann zog. Fernab von akademischem Konstruieren allerdings macht die sukzessive Veränderung der Klangfarben in Einklang mit kühner harmonischer Fortschreitung die Besonderheit seiner Musik aus. Die Farbigkeit ist bei ihm oft auf bestimmte Instrumente abgestimmt. So beziehen sich die Registrieranweisungen der einleitenden Evocation op.37 auf die Cavaillé-Coll-Orgel in der Abteikirche Rouen, zu deren Wiedereinweihung 1941 Dupré dieses Werk komponiert und auch uraufgeführt hat. Die dreisätzige Suite Bretonne op.21 ist eine Programmusik, die sich der im Titel aufscheinenden nordfranzösischen Landschaft mit folkloristischen Themen zu nähern sucht. Wirkliche Kleinodien des Orgelschaffens Duprés aber sind die Fifteen Pieces op.18, die aus liturgischen Improvisation in der Pariser Kathedrale Notre Dame entstanden. Das später aufnotierte Werk wurde am 10. 12. 1920 in London uraufgeführt. Jedes der kurzen Stücke trägt ein verbales Motto, das zusätzlich zum Text der liturgischen Melodievorlage die musikalischen Stimmungsbilder faßlich macht. Dieses interessante Stück kirchlicher Programmusik zeigt den „phänomenalen, impressionistisch beeinflußten Klangsinn“ des Komponisten, wie Hanno Ehrler im zweisprachigen (dt./frz.) Beiheft formuliert.

Die Aufnahmetechnik zeichnet das Klangbild klar, doch schafft sie nicht für alle Situationen einen optimalen Ausgleich zwischen Instrument und Raum. Auch meint man der Orgel einzelne Schwächen in Ansprache und Stimmung anzuhören. Erdmanns durchsichtige Phrasierung und die ruhigen Tempi ermöglichen eine gute Durchhörbarkeit auch der Toccaten. Lob verdient allem voran das seltene Repertoire. Hierzu sind Künstler und Verlag besonders zu beglückwünschen.


publiziert in:
Deutsche Tagespost 14.2.1998