versus populum 2.0

Verkündigungs- und Gebetsrichtung im Kirchenraum

Kirchen sind gerichtete Räume. Sie verweisen auf die Transzendenz. Besondere Architekturelemente (z.B. Chorräume, Fenster) oder besondere Ausstattungsstücke (z.B. Altäre, Kunstwerke) geben dem Raum Richtung. Die Ostung der Baulinie trägt zudem eine kosmologische Komponente ein.

Umgestaltungen bestehender Räume aufgrund liturgischer Neuerungen werfen stets Probleme auf. So verschwand die Multipolarität mittelalterlicher Kirchen in der nachtridentinischen Reform. Der Raum wurde zum Einheitsraum und auf einen Altar bezogen. Dessen Aufstellungsort war fortan allerdings nicht der Platz des Kreuzaltars vor dem Lettner im Zentrum des Raumes, sondern der des Choraltars an der Ostwand der Apsis. Die Entfernung von Gemeinde- und Altarraum vergrößerte sich spürbar.

Nach dem 2. Vatikanischen Konzil rückte der Altar zwar wieder näher an die Gemeinde heran. Dennoch wurde die Trennung zwischen Gemeinde- und Altarraum nicht aufgehoben – auch nicht in sogenannten Konzilskirchen. Zudem stand der Priester nun hinter dem Altar und wandte sich nicht zusammen mit der Gemeinde der Transzendenz zu. Der Verkündigungsort – meist an schlichtes Lesepult – wurde links oder rechts vom mittigen Altar aufgestellt.

Dabei hatten die Kirchbautheoretiker seit der liturgischen Bewegung der 1920er Jahre bereits den Chorraum von Klosterkirchen als Muster für zeitgemäße Liturgieräume ausgemacht – so beispielsweise Johannes van Acken 1922, Rudolf Schwarz 1938, Martin Weber 1940 oder Herbert Muck 1963. Von beiden (allen) Seiten umgeben die gemeinsam Liturgie Feiernden (und nicht der Feier Einzelner Beiwohnenden) den Raum.

Erst seit den späten 1990er Jahren wird dieser Gedanke hierzulande bei Neugestaltungen von Kirchenräumen aufgegriffen. Ambo (Verkündigungs-) und Altar (Gebetsort) werden im freien Raum zwischen den Gemeindeplätzen angeordnet (Communio-Modell). Die Trennung von Altar- und Gemeinderaum wird erstmals überwunden. Allerdings ist die Anordnung der beiden Handlungsorte meist nach wie vor dem versus-populum-Gedanken verhaftet: Der Altar steht vor dem einstigen Altarraum, der Priester wendet sich an ihm stehend der Gemeinde zu. Der Ambo findet seinen Platz demgegenüber im rückwärtigen Bereich der Kirche. Gottes Wort wird also in Richtung des (einstigen) Chorraums verkündet, gebetet wird in Richtung Gemeinde. Nimmt man die Architektur ernst und versteht den Chorraum als gebaute Transzendenz – oder immerhin als Schwelle zu dieser (Rudolf Schwarz) – wirkt dies einigermaßen grotesk. Doch offenbar sind wir seit 1965 sosehr an „versus populum 1.0“ gewöhnt, dass diese Weiterentwicklung keine echte Neuerung darstellt, sondern allenfalls ein „versus populum 2.0“.

Cadolzburg St. Otto
Eine typische Umgestaltung "versus populum 2.0" in Cadolzburg St. Otto (Günter Dechant 2021). vor dem einstigen Altarraum, der durch eine diaphane Wand abgetrennt ist und zur Taufkapelle umfunktioniert wurde, stehen Leitungs- Verkündigungs- und Gebetsort in einer Linie. (Foto: Michael Pfeifer)
Aschaffenburg Martinushaus
In der Hauskapelle des Aschaffenburger Martinushauses entwickelte der Autor 2008 eine Differenzierung von Verkündigungs- und Gebetsrichtung durch die Verwendung des Altars in zwei Richtungen. (Foto: Michael Pfeifer)

Liturgie ist Kommunikationsgeschehen. Die ab- und aufsteigende Dimension ist jeder gottesdienstlichen Feier eingeschrieben. Gottes Wort kommt auf uns zu, wir antworten in Lobpreis, Dank und Bitte. Diese klare Differenzierung von Verkündigungs- und Gebetsrichtung auch im Vollzug deutlich werden zu lassen, kann die Struktur von Liturgie klar zu Tage fördern. Wenn der Ambo sinnvollerweise vor dem (einstigen) Chorraum oder einer sonstwie ausgezeichneten Transzendenzrichtung steht, wird klar, dass uns der Anruf Gottes in seinem Wort „von draußen“, aus der Unverfügbarkeit also, trifft. Der Altar steht bei diesem Konzept zentral im Raum, wird aber zum Gebet in Richtung Transzendenz genutzt. Hier ist der Ort der Antwort und des gemeinsamen Mahles. Falls es einen ausgezeichneten Leitungsort braucht, ist dieser im rückwärtigen Teil des Raumes anzusiedeln: gut einsehbar und gleichzeitig auch sichtbar das Wort Gottes hörend. Dieses Konzept, das Johannes Krämer „Orientierte Versammlung“ nennt, könnte helfen, das Communio-Modell sinnvoll weiter zu entwickeln und „versus populum 2.0“ zu überwinden.

versus populum 2.0
Verkündigungs- und Gebetsrichtung im Modell «versus populum 2.0».
Orientierte Versammlung
Verkündigungs- und Gebetsrichtung im Modell «Orientierte Versammlung».

Der vollständige Beitrag ist publiziert in:
das münster 78 (2025) 84–97