Doch eine Nachtfeier

Zum Zeitpunkt der Osternachtsfeier

„Die Osternacht ist nach ältester Überlieferung eine Nacht der Wache für den Herrn (Ex 12,42). Das Evangelium (Lk 12,35ff) mahnt die Gläubigen, mit brennenden Lampen in den Händen auf ihren Herrn zu warten, damit er sie bei seiner Wiederkunft wachend findet und sie einlädt, an seinem Tisch Platz zu nehmen.“ Was das Meßbuch an den Beginn der Osternachtsfeier stellt, mag überraschen. Nicht von Auferstehung ist da die Rede, sondern von Wiederkunft, nicht von den drei Frauen am Grab, sondern – vergleichsweise – von den fünf klugen Jungfrauen (Mt 25). Daß seit ältester Zeit die Osternacht als Zeitpunkt der Parusie geglaubt wird, wirkt vielleicht auf den ersten Blick befremdlich. Und doch ist der zentrale Gottesdienst des Jahres weit mehr als eine „Auferstehungsfeier“. Intensiver als bei jeder anderen Liturgie nimmt der Lesegottesdienst die Geschichte Gottes mit seinem Volk in den Blick. In der Eucharistie schließen wir uns zusammen mit der himmlischen Liturgie und strecken uns aus nach Christi Kommen „in Herrlichkeit“.

Wollte man in Verkennung dieses umfassenden Ansatzes die Osternacht zum Zeitpunkt der Auferstehung feiern, genügt ein Blick in das Exsultet, um die Unmöglichkeit dieses Vorhabens zu ahnen: „O wahrhaft selige Nacht, dir allein war es vergönnt, die Stunde zu kennen, in der Christus erstand von den Toten.“ Nicht die Salbenträgerinnen, nicht einmal die Wachen am Grab haben die Auferstehung miterlebt. Auch die biblischen Berichte wissen nur vom „dritten Tag“ nach dem Karfreitag, der selbstverständlich mit dem Vorabend, also dem Abend des Karsamstags beginnt. Das Evangelium von den Salbenträgerinnen als Begründung für eine Verlegung der Feier in die frühen Morgenstunden heranzuziehen verbietet sich wohl. Oder liest man die Emausperikope (Lk 24,13ff) nur in Abendgottesdiensten und nicht auch am Ostermontag bzw. am 2. Ostersonntag? Gleiches gilt beispielsweise für die Evangelien vom Friedensgruß in Joh 20,19ff oder der Brotvermehrung in Mk 6,38ff parr. Genausowenig wie Epiphanie das „Fest der hl. drei Könige“ ist, gilt Ostern als das „Gedächtnis der Frauen am Grab“. Entsprechend handelt es sich bei der Osternacht nicht um ein enggeführtes Mysterienspiel im Sinne einer Visitatio sepulcri, sondern um weit ausgreifende, Geschichte, Gegenwart und Erwartung deutende Liturgie.

Auch der Rückgriff auf Naturphänomene ist nicht ohne Probleme. „Schön“ ist das Hineinfeiern in einen „strahlenden Ostertag“ natürlich schon. Ob dieser sich aber einstellt, ist so sicher wie die sprichwörtliche „weiße Weihnacht“. Wenn nur nach „Atmosphäre“ und „Gestimmtheit“ gefragt wird, wird man Liturgie meines Erachtens nicht gerecht. Gerade das sinnlich erlebbare Paradoxon, in der Finsternis ein Licht zu entzünden und in der Nacht von Auferstehung zu reden – was allem „natürlichen“ Erleben zuwiderläuft – entspricht dem Geheimnis unseres Gottes, über den wir eben gerade keine zutreffenden Aussagen machen können.

Aus der Struktur der Osternacht mit Lichtfeier, Lesegottesdienst, Tauf- und Eucharistiefeier* ergibt sich ohne Zweifel das Ideal einer „Nacht der Wache für den Herrn.“ Daß man dieses Ideal je nach Gemeindesituation ggf. anpassen muß, steht außer Frage. Wie dies auch verantwortet möglich ist, zeigen Beispiele, die immer wieder in dieser Zeitschrift vorgestellt wurden. Doch ob man einen aus pastoralen Erwägungen erwachsenen Modetrend umgekehrt als das Ideal verteidigen sollte, sei dahingestellt.

Mir persönlich ist eine Osternacht lieb geworden, die zu mitternächtlicher Stunde beginnt, etwa vier Stunden dauert und in einem gemeinsamen Fest ausklingt. Wenn ich dann nach Hause gehe, höre ich die lärmenden Vögel und sehe in die aufgehende Sonne. Ein Osterhochamt vermisse ich nicht; sicher auch dann nicht, wenn die Vigil um 21 Uhr beginnt und um Mitternacht endet: die Nacht war erfüllend genug.

Gerne will ich mich überzeugen lassen, daß die Vorschrift des Meßbuchs bezüglich des Zeitansatzes der Osternacht („Die Feier findet in der Nacht statt; sie soll nicht vor Einbruch der Dunkelheit beginnen und nicht nach der Morgendämmerung enden.“) nicht sachgerecht und damit irrelevant sei. Die bisher angeführten Argumente vermochten dies allerdings nicht. Wir dürfen auf eine anregende Diskussion gespannt sein.

Anmerkungen

* So die vier Teile im Messbuch. Zutreffender ist jedoch die Zweigliedrigkeit: An die Vigil mit eröffnender Lichtfeier schließt sich die Messfeier mit an der üblichen Stelle eingeschobenen Tauffeier an. Wie stets, wenn der Messfeier eine andere liturgische Handlung vorausgeht, beginnt diese nicht mit dem Introitus, sondern mit dem Gloria bzw. Tagesgebet (vgl. Palmsonntag, Darstellung des Herrn …).


publiziert in:
Gottesdienst 39 (2005) S. 20