Über fünfhundert Jahre galt im römischen Ritus die Vorschrift, dass Weihrauch im Hochamt zu verwenden sei – und nur in diesem. Bei gewöhnlichen Messfeiern war er untersagt. Das führte schließlich dazu, dass Weihrauch als etwas Festtägliches angesehen wurde und seine eigentlichen Symboldimensionen mehr und mehr aus dem Bewusstsein entschwanden.
Seit der Liturgiereform des Zweiten Vatikanischen Konzils hätte dies anders werden können, denn Weihrauch kann nun zu jeder Messfeier verwendet werden (AEM 235). Er ist weder auf Sonntag noch auf Feiertage beschränkt. Allerdings gibt es auch keine Verpflichtung mehr, ihn überhaupt zu verwenden. Die neue Freiheit führte zunächst zum Rückgang der Weihrauchverwendung überhaupt.
Mittlerweile ist eine verhaltene Renaissance des Weihrauchs zu beobachten. Man könnte glauben, sie habe ihre Ursache in der Entdeckung des Räucherns im privaten Umfeld, folgt aber vermutlich nur der allgemeinen Wiederbelebung des Rituellen innerhalb der Liturgie. Dabei bleibt der Weihrauch interessanterweise auch heute auf die festlichen Gottesdienste im Kirchenjahr beschränkt – so als wäre es nicht fast fünfzig Jahre her, seitdem das Konzil neue Möglichkeiten der Weihrauch-Verwendung ermöglichte und ihn damit unbewusst aus der Feiertagsecke befreite. Weihrauch hat mehr zu bieten als ein Accessoire von Feierlichkeit zu sein. Drei Bedeutungen stehen dabei im Vordergrund.
Biblisch: Gebet
Ein Vers aus dem Buch der Psalmen ist entscheidend geworden für die Deutung des Weihrauchs in der Liturgie. Psalm 141 wird seit den Anfängen des Christentums beim Abendgebet verwendet. Sein zweiter Vers „Wie Weihrauch steige mein Gebet vor dir auf; das Erheben meiner Hände gelte vor dir als Abendopfer“ wurde bald rituell ausgestaltet: Man entzündete Weihrauch im Rahmen der Vesper. Zwar wurde im Laufe der Jahrhunderte der Psalmvers mehr und mehr verdrängt – bis vor dem Konzil sang man ihn noch häufig vor dem Magnifikat der Vesper – aber der Weihrauch blieb. Heute inzensiert man beim Magnifikat den Altar, wohl ohne den Zusammenhang zwischen Weihrauch und Abendpsalm 141 noch zu realisieren.
Auch die Schilderungen frühchristlicher Liturgie, die uns im letzten Buch der Bibel, der Apokalypse, als himmlische Liturgie vor Augen tritt, wird der Weihrauch in Beziehung zum Gebet gebracht: „Ein Engel kam und trat mit einer goldenen Räucherpfanne an den Altar; ihm wurde viel Weihrauch gegeben, den er auf dem goldenen Altar vor dem Thron verbrennen sollte, um so die Gebete aller Heiligen vor Gott zu bringen. Aus der Hand des Engels stieg der Weihrauch mit den Gebeten der Heiligen zu Gott empor.“ (Offb 8,3f) Ebenfalls als Gebete der Heiligen deutet der Seher von Patmos den Weihrauch an anderer Stelle: „Die vier Lebewesen und die vierundzwanzig Ältesten fielen vor dem Lamm nieder; alle trugen Harfen und goldene Schalen voll von Räucherwerk; das sind die Gebete der Heiligen.“ (Offb 5,8)
Interessant ist, dass diese biblisch grundgelegte Bedeutung des Weihrauchs in unseren Gottesdiensten kaum zum Tragen kommt. Intensiver wird vielmehr eine zweite symbolische Konnotation des Weihrauchs strapaziert.
Historisch: Verehrung
Die Inzens des Evangeliars, der verwandelten Gaben oder der Monstranz sind eindeutig Zeichen der Verehrung. Doch auch die Personeninzens von liturgischen Diensten und versammelter Gemeinde gehören in diesen Bereich hinein. Letztere ist Zeichen für die Würde aller Getauften, als ein Volk von Priestern, Königen und Propheten. Auch erinnert sie an das Pauluswort, dass der „Duft der Erkenntnis Christi“ sich „an allen Orten verbreitet“ (2 Kor 2,14).
Mit dem Mittragen des Weihrauchs bei der Einzugsprozession haben wir schließlich den Schlüssel für die Weihrauchverwendung in der römischen Liturgie zur Hand. Als die Bischöfe im römischen Reich die Rolle von Staatsbeamten bekamen, erhielten sie etliche Privilegien. Zu ihren neuen Statussymbolen gehörte fortan neben der Senatorenkleidung auch das Recht, sich auf der Straße ein Weihrauchfass vorantragen zu lassen. Diesen Brauch übernahmen die Bischöfe auch für ihren feierlichen Einzug in die Kathedrale, der ja noch nicht unmittelbar zur Liturgie gehörte. Evangeliar und Weihrauch waren dabei die bischöflichen Insignien. Beides wird auch heute noch in der Einzugsprozession mitgetragen, doch sind die Ursprünge dafür im Nebel der Jahrhunderte verloren gegangen.
Archaisch: Reinigung
In der Antike brachte man das Erscheinen eines Gottes oft in Verbindung mit einem besonderen Dufterlebnis. Neben dem Duft gehören aber auch Feuer und Rauch zu den zeichenhaften Dimensionen des Weihrauchs. Folgt man dem Alten Testament, begleitet beides auch Erscheinungen Jahwes auf dem Sinai (Ex 19,18 vgl. Ps 18,9). Daneben gelten Feuer und Rauch seit jeher als reinigend. Bekannt ist in diesem Zusammenhang die Berufungsvision des Jesaja, dessen Lippen eine glühende Kohle vom Altar reinigte (Jes 6,6f).
Entsprechend ist Weihrauch auch in Reinigungsriten präsent. Ein Rest lässt sich vermuten beim räuchernden Umkreisen des Altars oder der Gaben auf dem Altar. Deutlicher wird das in der byzantinischen Liturgie: Hier geht der Diakon zu Beginn des Gottesdienstes mit dem Rauchfass einmal ganz um die versammelte Gemeinde herum, wie wenn er einen Feuerring um den heiligen Bezirk schlagen wollte. Und bei den Kopten in Ägypten gibt es die Tradition, ein Sündenbekenntnis in den aufsteigenden Weihrauch hinein zu sprechen und die Schuld auf diese Weise symbolisch hinwegtragen zu lassen.
Liturgische Praxis
Um die dem Weihrauch eigene Symbolkraft wiederzugewinnen, ist große Sorgfalt beim Umgang damit nötig.
Beim Verehrungsgestus ist es sicher angebracht, das Rauchfass dem Verehrten entgegenzuschwingen bzw. ihm voranzutragen. (Die Grundordnung des römischen Messbuchs differenziert inzwischen sogar wieder die Anzahl der Züge GORM 277). Die Gemeinde allerdings sollte nicht von der Altarstufe aus und damit aus der Ferne beräuchert werden. Auch wenn man die Versammelten – etwa nach dem Evangelium – den „Duft der Erkenntnis Christi“ spüren lassen will, ist es unumgänglich die Gemeinde zu durchschreiten und womöglich auch einen duftenden Blütenweihrauch als Räuchermaterie zu wählen.
Demgegenüber sollten die Riten, die Reinigung ausdrücken, eher im Umkreisen oder kreisförmigen Räuchern bestehen. (Demgegenüber sieht die Grundordnung die Möglichkeit vor, die bereiteten Gaben auf dem Altar in Kreuzesform zu beräuchern, was eher einem Segnungsgestus entspricht, GORM 277). Auch kann man den zu reinigenden Gegenstand in den aufsteigenden Rauch halten – auch ein Ritus, den man in der Orthodoxie beobachten kann.
Das Zeichen des Gebets schließlich wird besonders deutlich, wenn der Weihrauch frei aufsteigen kann, etwa aus einer Räucherschale vor dem Altar oder inmitten der Versammlung. Ein Rauchfass, das zum Tragen und Schwingen konzipiert ist, zu diesem Zweck auf den Boden zu stellen ist sicher keine überzeugende Lösung.
Um den Weihrauch in seinem gesamten Spektrum der Symbolik wieder zu entdecken, sollte man ihn endlich aus der Nische der Festtage befreien und große Sorgfalt auf die angemessene rituelle Durchführung legen. Warum nicht im Rahmen eines Buß- oder besonderen Bittgottesdienstes Weihrauch verwenden? Warum nicht zu den Fürbitten oder einer Litanei Weihrauch aufsteigen lassen? Auf der Basis der erwähnten Passagen aus der Offenbarung des Johannes ließe sich auch die Bitte des römischen Messkanons durch Weihrauch akzentuieren: „Dein heiliger Engel trage diese Opfergabe auf deinen himmlischen Altar vor deine göttliche Herrlichkeit.“ Ganz selbstverständlich sollte Weihrauch auch zur Kreuzverehrung am Karfreitag wie auch zum traditionellen Besuch des Heiligen Grabes am Karsamstag gehören. Auch im gemeindlichen Abendgebet spielt Weihrauch seit ältester Zeit eine bedeutsame Rolle, die heute leider meist vom Magnifikat überlagert ist. Auch hier wäre die ursprüngliche Bedeutung wieder zu entdecken.
Es wäre zu wünschen, dass auch innerhalb der römischen Liturgie die volle Symbolik des Weihrauchs wieder hervortritt und klar wird: Weihrauch hat nichts mit Festlichkeit zu tun!
publiziert in:
Gottesdienst 46 (2012) S. 197–199
zuvor in:
Ministranten St. Jodokus Wiesenthal (Hg.), Das größte Weihrauchfass der Welt, Waghäusel 2010, 43–46
ähnlich in:
Antonius-Kalender 82 (2004) S. 70–79
Foto: Jürgen Dahmen pfarrbriefservice.de