… ist vorüber. Was zu ihrer Erfindung und ihrem ungeahnten Erfolg führte, entspricht noch heute menschlichen Bedürfnissen. Ansichtskarten sind heute Selfies, die an gehypten Locations entstehen und mit einem kurzen Text millionenfach digital versandt werden. Ziel ist es, in beiden Fällen, den Empfängern einen Eindruck vom Aufenthaltsort und Befinden der Absender zu bieten: Ein Reiseziel wird visualisiert, durch mehrere solcher Botschaften entsteht ein Itinerar – seien es mehrere Postkarten oder eine Instagram-Story. Das Medium hat sich verändert, die Handlungsmuster sind gleich geblieben.
Die Wurzel dieses Bedürfnisses liegt in den zunehmenden Wanderungsbewegungen der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Gab es eine räumliche Trennung von Familienangehörigen und Freunden bis dahin vor allem in gebildeten und vermögenden Milieus, nahm mit der industriellen Revolution auch die Arbeitsmigration zu. Die Eisenbahn erleichterte die Mobilität und wurde zunehmend auch für den Fremdenverkehr genutzt. Durch das neue Verkehrsmittel beschleunigte sich zudem die Beförderung für Postsendungen. Statt seltener ausführliche Briefe zu schreiben, griff man zur Postkarte, die Raum für eine schnelle Information oder einen kurzen Gruß bot. Die Postkarte war ressourcenschonender – man benötigte kein Kuvert. Sie war anfänglich halb so teuer wie ein Brief und weit günstiger als ein Telegramm. Erst 2025 vereinheitlichte die Deutsche Post das Porto von Standardbrief und Postkarte. Da es in Städten um die Jahrhundertwende zwischen drei und einem Dutzend Zustellungen pro Tag gab, konnte man sich auch mittags noch per Postkarte zum Kaffee verabreden.
Wie so oft bei der Einführung neuer Technologien und Kommunikationsmittel stieß auch die Postkarte zunächst auf Skepsis in bestimmten gesellschaftlichen Kreisen. Kritiker befürchteten, dass die offen einsehbaren Mitteilungen etwa von Hausangestellten gelesen werden könnten, was als Eingriff in die Privatsphäre galt. Zudem sorgte man sich darum, dass die knappen Texte dem Niveau der schriftlichen Ausdrucksweise schaden und damit ein Teil der Sprachkultur verloren gehen könnte. Auch hielt man die Postkarte für einen technischen Rückschritt im Vergleich zum Telegramm. Trotz dieser Bedenken – die uns heute in ähnlicher Form aus Debatten über soziale Medien und Kurznachrichtendienste wie WhatsApp bekannt sind – setzte sich die Postkarte zunehmend durch. Ihre Beliebtheit wuchs vor allem deshalb, weil sie es ermöglichte, ohne großen Aufwand kurze Botschaften zu übermitteln, bei denen keine stilistische Perfektion erforderlich war – ein Vorteil, der sie auch für breite Bevölkerungsschichten attraktiv machte.
Historische Entwicklung
Die Idee hatte etliche Väter: Bereits 1865 schlug Heinrich Stephan, der spätere Generalpostmeister des Norddeutschen Bundes, eine solche Correspondenzkarte vor. Sie wurde damals als unmoralisch abgelehnt, da bei offenem Versand das Briefgeheimnis nicht gewahrt wäre. Im Folgejahr soll es einen ähnlichen Vorschlag in Neuseeland gegeben haben, und 1868 warb ein Buchhändler aus Leipzig für eine solche Karte. Durchgesetzt hat sich 1869 der Vorschlag, den Emanuel Hermann am 26. Januar 1869 in einer Tageszeitung unterbreitete. Ihm ging es um die Übermittlung kurzer Textnachrichten zu besonders niedriger Gebühr. Im Oktober wurden schließlich in Österreich-Ungarn sogenannte Correspondenzkarten postamtlich-offiziell eingeführt. Die Erstausgabe zierte eine Zeichnung des Klosters Melk an der Donau. Ab 1870 bot auch die Deutsche Post solche Karten an, ein Jahr später folgten Ansichts- und Glückwunschkarten. Seit dem 1. Juli 1872 waren dann auch private Motivpostkarten offiziell zugelassen. Das Anschriftenfeld blieb zunächst wie beim Brief ganzseitig, Bild und handschriftliche Grüße fanden ihren Platz auf der Rückseite. In England gab es seit 1902 aber bereits eine Trennung von Anschriften- und Textfeld auf einer Seite, während die Rückseite nun vollflächig vom Motiv eingenommen wurde. Diese Praxis setzte sich 1905 auch in Deutschland durch.
Obwohl Correspondenzkarten bereits im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 millionenfach verschickt wurden, setzte die eigentliche Massenproduktion von Ansichtskarten erst ab 1885 ein. Der eigentliche Siegeszug der Ansichtskarte begann 1896 und erlebte sogleich einen ersten Höhenflug, der bis nach dem Ersten Weltkrieg anhielt. Eine Zählung im August 1900 ergab, dass pro Tag l,5 Millionen Ansichtskarten im Reichspostgebiet aufgegeben wurden. Im gleichen Jahr wurden in Deutschland fast 0,8 Milliarden Ansichtskarten produziert, 1906 waren es bereits 1,1 Milliarden.
Die Ansichtskarte war damit auch zu einem Wirtschaftsfaktor geworden. 30.000 Personen waren in der Herstellung von Ansichtskarten beschäftigt. Allein in Leipzig gab es 25 Fabriken für Ansichtskarten. Eine Frankfurter Druckerei beschäftigte 1200 Arbeiter, die jeden Tag 100 neue Motive herstellten. Für die Papierproduzenten war die Ansichtskarten-Produktion der wichtigste Absatzmarkt überhaupt. Damit dieses lukrative Geschäft erhalten blieb, ließ man sich einiges einfallen. Es erschienen Ansichtskarten zu allen denkbaren Anlässen und mit allen möglichen Motiven: Einladungskarten zu Festen, Jagdgesellschaften oder Ausstellungen, Motive aus der Tier- und Pflanzenwelt oder dem Militär. Im Ersten Weltkrieg kamen gezielt propagandistische, daneben aber auch kriegskritische Karten in Umlauf. Künstlerpostkarten entstanden ebenso wie zarte Liebes- und derbe Erotikkarten.
Der große Renner aber war die topologische Ansichtskarte mit Ansichten von Städten, Ortschaften und selbst kleinsten Dörfern. Bereits zu Beginn des Booms entstand die erste bekannte Ansichtskarte von Dettingen. Sie zeigt den Gasthof „Zur Post“ und stammt von 1897.
Tatsächlich waren Wirte und Geschäftsinhaber häufig die Initiatoren lokaler Ansichtskarten. Sie wurden bald gezielt von Verlagen durch Mustersendungen animiert, selbst eigene Karten zu produzieren. So zeigen Dettinger Ansichtskarten insgesamt neun verschiedene Gasthäuser und 16 Läden bzw. Betriebe, darunter vor allem das Ladengeschäft Stock/Neumann am einstigen Bahnübergang. Häufigstes Motiv ist das Schulhaus von 1900/1913, in dem sich heute das Heimatmuseum befindet, gefolgt von der Pfarrkirche St. Peter und Paul und dem Ortspanorama vom Mainflinger Mainufer aus gesehen. Der Bahnhof auf Position 4 signalisiert Weltoffenheit und leichte Erreichbarkeit. An 5. Stelle folgt die Ansicht der Hippolytkirche als dem bedeutendsten historischen Bauwerk vor Ort.
Die Auswahl der Motive folgt dabei unterschiedlichen Motivationen. Meist ist es lokalpatriotischer Stolz auf historische Tradition oder besondere Modernität, auf besondere Gebäude oder bezaubernde Landschaft, die einen Besuch besonders lohnend erscheinen lassen. Insofern ist eine Ansichtskarte stets auch ein Medium der Fremdenverkehrswerbung, heute würde man sagen des Tourismusmarketings. Wie die Bildbotschaft beim Adressaten ankam, hing von Bekanntheit, Neuigkeitswert, Erinnerungspotenzial und der Intention des Absenders ab.
Sammelleidenschaft
Mit dem Aufstieg der Ansichtskarte entwickelte sich ab der Jahrhundertwende eine ungeheure weltweite Sammelleidenschaft. Um die Karten systematisch aufzubewahren und ansprechend zu präsentieren, wurden spezielle Sammelalben hergestellt – allein hierfür entstanden sechzig Fachfirmen. Zudem gab es Fachzeitschriften, Kataloge und Tauschbörsen, die den Kontakt unter Sammlerinnen und Sammlern förderten. Tatsächlich geht man heute davon aus, dass die Hälfte der Sammlungen von Frauen aufgebaut wurden. Durch dieses erschwingliche und wissensvermehrende Hobby erfuhren sie ein Stück Emanzipation.
Das Sammeln ermöglichte es, die „engere Heimat und die weite, weite Erde spielend kennen zu lernen“, wie in einem zeitgenössischen Sammlermagazin zu lesen war. Viele Menschen verspürten unter dem Einfluss von Nationalismus und Kolonialismus das Bedürfnis, ihre eigene Position in der Welt zu definieren und eine Trennlinie zwischen dem „Eigenen“ und dem „Fremden“ zu ziehen. Das Sammeln von Postkarten bot dabei eine Möglichkeit, die Welt zu erfassen, zu strukturieren und in Kategorien einzuordnen. Ansichtskarten prägten das Weltbild des beginnenden 20. Jahrhunderts entscheidend mit.
Heute gelten Ansichtskarten als wertvolle dokumentarische Quellen – insbesondere für die bauliche Entwicklung von Städten und Gemeinden. In vielen Fällen stellen sie sogar die frühesten bildlichen Zeugnisse eines Ortes dar. Auch gesellschaftliche Veränderungen lassen sich an ihnen ablesen, etwa durch die Auswahl der Motive oder den Wandel von Straßennamen. Ein Beispiel aus Dettingen verdeutlicht dies: Einige Karten zeigen die Adolf-Hitler-Straße, die bis 1933 Eisenbahnstraße hieß und 1945 in Hahnenkammstraße umbenannt wurde.

Techniken
Die häufigste und schönste Drucktechnik war in der Anfangszeit die Chromo-Lithographie (kurz: Litho). Diese Steindrucktechnik wurde im 19. Jahrhundert entwickelt und erlaubte farbige Illustrationen in großen Auflagen. Für Dettingen wurden etwa ein Dutzend solcher Karten gedruckt. Charakteristisch sind kräftige, helle und freundliche Farben, wie überhaupt die Vielfarbigkeit. Meist finden sich auf der Bildseite mehrere Ansichten, darunter meistens auch die Totalansicht des Ortes, die oft durch künstlerisch gestaltete Rahmungen miteinander verbunden werden. Die Wiedergabe ist dabei sehr detailgetreu – in Dettingen fehlt beispielsweise nicht einmal das Storchennest auf dem Schulhaus neben der Hippolytkirche. Auch sind die Personen in der Regel klein dargestellt, um die Gebäude besonders repräsentativ erscheinen zu lassen. Vielfach begegnet ein Textband beginnend mit »Gruß aus …«. Dies wird auch auf mit anderen Techniken hergestellten Karten bis in die 1970er Jahre beibehalten.
Um 1896 begann die große Zeit der lithographischen Ansichtskarten. Damals wurden in Dettingen pro Jahr ein bis zwei neue Ansichtskarten hergestellt und vertrieben. Um 1905 ließ die Beliebtheit der Lithos bereits wieder nach. Andere Drucktechniken lösten sie ab.
Der Erste Weltkrieg führte nochmals zu einem Schub. Mit den Söhnen, Brüdern, Ehemännern im Feld in Kontakt zu bleiben, ermöglichte die Feldpost. Sie unterlag der Zensur, weshalb viele Soldaten auf die Postkarte zurückgriffen, deren Text ohnehin offen lesbar übermittelt wurde. Von den täglich bis zu 8,5 Millionen Feldpostsendungen waren die meisten Postkarten. Auch für Dettingen sind solche Beispiele bekannt. Die handlicher gewordenen Fotoapparate ermöglichten es zudem, authentische, wenngleich in der Regel gestellte Bilder von der Front zu übermitteln. Auf die Fotoabzüge wurde rückseitig ein Adressfeld aufgestempelt. Diese Fotokarten sind Einzelstücke oder Kleinserien und sind der Definition nach eigentlich keine Ansichtskarten.
Die Praxis wurde in den 1990er Jahren von großen Fotolaboren aufgegriffen, die ebenfalls auf Fotoabzüge im Postkartenformat ein rückseitiges Adressfeld aufdruckten.
Nach den gezeichneten Lithographien kamen echte Fotos auf, die anfangs im Lichtdruckverfahren reproduziert wurden. Zunächst (und noch bis in die 1970er Jahre hinein) waren dies Schwarz-Weiß-Aufnahmen, die gegebenenfalls koloriert wurden. In der Anfangszeit gab es Mischformen, in denen etwa eine lithographische Ortsansicht mit dem Foto eines Ladengeschäftes oder einer Gastwirtschaft kombiniert wurde. Für Dettingen sind acht solcher Karten bekannt.
Trotz des technischen Fortschritts kam es nach dem Ersten Weltkrieg zu einem Niedergang der Ansichtskartenproduktion. Die Fotoreproduktionen konnten mit den leuchtenden Farben der Lithos und deren Detailreichtum nicht mithalten, und auch die Papierqualität war schlechter geworden. Erst im Zweiten Weltkrieg kam es wieder zu einem Aufschwung durch die Feldpost. Nach dem Krieg bekam auch die Sammelleidenschaft neuen Auftrieb, widmete sich nun aber mehr der Retrospektive und nicht der aktuellen Produktion.
Später, etwa ab den 1960er Jahren, wurden auch echte Farbfotos gedruckt. Daneben dienten Gemälde, Zeichnungen und Collagen als Vorlagen für Dettinger Ansichtskarten.
Es mag überraschen, dass seit 1897 für einen kleinen Ort wie Dettingen etwa 150 Ansichtskarten hergestellt wurden. Eine der Ursachen liegt wohl im Fremdenverkehr, den der Bahnhof und die von dort aus leicht erreichbaren Wandergebiete im Wald Richtung Rückersbach auslösten. Andererseits ist die intensive Produktion aber wohl auch dem allgemeinen Ansichtskarten-Hype an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert geschuldet, dem „goldenen Zeitalter“ der Ansichtskarte.
publiziert in:
Dettingen im Spiegel alter Ansichtskarten 2025


