Der Adventskranz und die Farbe seiner Kerzen

Blättert man Ende November in Prospekten von Baumärkten, Gartencentern oder Lebensmitteldiscountern stößt man unweigerlich auch auf Adventskränze. Wenn diese bereits mit Kerzen und Bändern geschmückt sind, besitzen jene meist einen roten Farbton. Neben aktuellen Farbentrends gilt Rot nach wie vor als klassisch. Es bietet ja auch einen schönen Kontrast zum Tannengrün des Kranzes.

evangelischer Adventskranz
Im evangelischen Bereich weit verbreitet: Rote Kerzen und Bänder am Adventskranz (Lorenzkirche Nürnberg)
katholischer Adventskranz
Violette Bänder und bienenwachsfarbige Kerzen: ein katholischer Adventskranz (Pfarrkirche Obernau)

Welches Farbenkleid den Ur-Adventskranz im Rauhen Haus bei Hamburg im Jahr 1839 zierte, ist nicht bekannt. Überliefert ist allerdings, dass dieser nicht nur vier Kerzen, sondern je eine für alle Tage des Advents hatte. Vermutlich unterschieden sich diese weder in Größe noch Farbe.[1]

Es dauerte fast hundert Jahre, bis der Adventskranz Eingang auch in katholische Kirchen fand. Dort übernahm man den dort üblichen liturgischen Farbenkanon. Allerdings nicht für die Kerzen, sondern für die textilen Bänder, mit denen das Tannengrün in Form gebracht wird. Am traditionellen Adventskranz sind daher die textilen Bänder violett, die Kerzen behalten jedoch ihre natürliche Wachs-Farbe.

In jüngerer Zeit ist jedoch zu beobachten, dass auf den Adventskränzen in Kirchen auch violette und rosafarbene Kerzen aufgesteckt werden. Dieser Brauch wurde in den 1940er Jahren vom US-amerikanischen Liturgical Movement entwickelt, und zwar als Abgrenzung zum Rot des Weihnachtsmannes, den die Firma Coca Cola seit den 1930er Jahren als Werbefigur nutzte, und das auf den zunächst mehr im protestantischen Milieu verbreiteten Adventskranz abgefärbt hatte. In dieser „neuen katholischen“ Form wurde das Farbschema nach Europa re-importiert.[2] Vor allem in Österreich hat sich die Sitte seither verbreitet, drei violette und eine rosafarbene Kerze für den Adventskranz zu verwenden. Inzwischen folgen mehr und mehr Gemeinden dieser falsch verstandenen „liturgischen Farbenlehre“.[3]

Traditionell spielen die liturgischen Farben nämlich ausschließlich bei Textilen eine Rolle: bei Gewändern, Altar- oder Wandbehängen. Kerzen in künstlichen Farben stehen dagegen im Widerspruch zur Forderung nach „Echtheit“ der Materialien im Gottesdienst.[4] (Niemand würde ja auch die Hostien im Advent violett färben.)

Ein Adventskranz, der den liturgischen Anforderungen entspricht, wird daher mit violetten Bändern und honigfarbenen Kerzen geschmückt. Violett ist nach  landläufiger Ansicht die Farbe von Buße und Besinnung. Betrachtet man jedoch den antiken Färbeprozess von Textilien, ist für diese Farbe ein noch größerer Aufwand erforderlich als für Purpurrot, das einst nur dem Kaiser zustand. Einerseits ist der Materialeinsatz höher – für ein Gramm Farbstoff benötigte man etwa 8000 Purpurschnecken –, andererseits mussten die Purpurfärber für eine längere Belichtung und Oxidation sorgen, bis die Indigoide in den Schneckensekreten stärker polymerisieren.[5] Dieser erhöhte Aufwand erklärt die Nutzung violetter Gewänder in den Vorbereitungszeiten auf Ostern und Weihnachten: Es sind Zeiten, in denen die Gläubigen bezüglich ihres religiösen Lebens einen „erhöhten Aufwand“ treiben sollen. Nach außen wird dies durch die teure Farbe deutlich gemacht. Gleiches gilt auch für Kerzen: Während übers Jahr elfenbeinfarbene Altarkerzen verwendet werden,[6] werden in Advent und Quadragese gerne Kerzen aus reinem Bienenwachs verwendet[7] – oder zumindest solche, die so aussehen.

Die Unterscheidbarkeit der Zeiten im Jahreslauf kann sowohl durch Paramente wie durch Kerzenfarben akzentuiert werden. Allerdings ist zu beachten, dass diese zwei verschiedenen Farbsystemen folgen und nicht einfach gleichzusetzen sind. Ein Adventskranz mit violetten (und rosafarbenen) Kerzen im liturgischen Raum ist daher abzulehnen.[8]

 

Anmerkungen

1 https://evangelische-zeitung.de/der-wichernkranz-sah-ganz-anders-aus
2 Therese Mueller und Martin Hellriegel, beides vor den Nationalsozialisten ausgewanderte Deutsche, können als Urheber gelten. Claudio Salvucci: The American Transformation of the Advent Wreath, in: Liturgical Arts Journal 23.11.2021. Ein Selbstzeugnis Muellers: „At home in the living room, they hung an evergreen wreath with four candles, which were lit, week by week, as a tangible, visible reminder of the approaching Incarnation. This custom, borrowed from her native Germany, would catch like wildfire. Originally with four red candles and considered outspokenly “Protestant,” Therese thought this German custom would be a perfect way of ditching the “horrible, secularized, commercialized Santa Claus, more and more shameful each year” and developing an oasis for considering the Advent of God.  In conversation with Fr. Martin Hellriegel, the red candles were switched to liturgical purple and rose, to match the liturgical colors of penitence and royal kingship.“ https://praytellblog.com/index.php/2013/12/07/women-leaders-in-the-liturgical-movement-therese-mueller-1905-2002/?utm_source=chatgpt.com
3 Die Erzdiözese Wien empfiehlt das sogar ausdrücklich für den sogenannten „liturgischen Adventskranz“: https://www.erzdioezese-wien.at/gaudete?utm_source=chatgpt.com&ts=1763399409102 Auf der gleichen Website ist zum Thema Adventskranz aber auch einer mit roten Kerzen abgebildet: https://www.erzdioezese-wien.at/adventkranz
4 AEM 279.
5 Wolfgang Zwickel: Färben in der Antike, in: Wolfgang Zwickel (Hg.), Edelsteine in der Bibel, Mainz 2002, 41–44. https://publikationen.uni-tuebingen.de/xmlui/bitstream/handle/10900/150145/Zwickel_112.pdf?sequence=1&isAllowed=y
6 Oft ist zu lesen, die aktuellen liturgischen Regeln schrieben mindestens 10% Bienenwachs vor. Dies ist jedoch nicht nachweisbar. Früher galt ein Bienenwachsanteil von „wenigstens der Hälfte“ für die Osterkerze. Die übrigen Kerzen mussten „zum größeren Teil oder in bedeutender Quantität aus demselben Stoffe angefertigt werden.“ (Georg Kieffer: Rubrizistik, Paderborn 1947, S. 142 unter Verweis auf C. R. 4147)
7 Dies gründet in der Tradition, dass zumindest in Kathedralen bei „Messen, welche in schwarzen Gewändern gehalten werden, also „beim Totenoffizium und am Karfreitag“ gelbe Kerzen Verwendung fanden. (Georg Kieffer: Rubrizistik, Paderborn 1947, S. 142 unter Verweis auf Caer. Ep.  II 8,68)
8 Zum Zweck der Katechese kann dieses Farbschema hingegen durchaus sinnvoll sein, besser zumindest als rote Kerzen.


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