Kündet allen in der Not

Liedporträt

Blinde sehen, Lahme gehen

Am Anfang stand die Melodie zu Morgenglanz der Ewigkeit (siehe dort). Das Lied für den Tagesbeginn, das gleichzeitig eschatologische Ausblicke bietet, schien den mit der Erstellung des ersten katholischen Einheitsgesangbuchs Betrauten für ein neues Adventslied geeignet: der Gedanke des Tagesanfangs wurde auf den Beginn des Kirchenjahres umgedeutet. Den Text schuf 1971 der Eichstätter Priester und Theologieprofessor Friedrich Dörr, von dem sich ein gutes Dutzend Liedtexte (Übertragungen und Neuschöpfungen) in *Gotteslob 1 und 2 finden. Er schöpft dabei aus biblischen Bildern, die der Liturgie des Weihnachtsfestkreises entnommen sind, namentlich aus dem 35. Kapitel der Jesajaprophetie.

 

Biblische Bilder aus dem Weihnachtsfestkreis

Anders als bei Morgenglanz der Ewigkeit deutete Dörr die Barform des Liedes als Vierzeiler mit angehängtem Kehrvers. Dessen Text Allen Menschen wird zuteil Gottes Heil (Ps 98,3) ist der Zentralsatz des Antwortpsalms der dritten Weihnachtsmesse, deutet also die Kunde vom kommenden Gott im Licht der Erfüllung dieser Hoffnung. Das Künden am Beginn des Liedes unterlegt die Melodie mit einem fanfarenartigen Dreiklang: Den Notleidenden und Verzagten wird Mut und Vertrauen zugesprochen, und es wird auch der Grund dafür genannt: Gott wird kommen und wir werden ihn schauen.

Die zweite Strophe benennt Gott als den zuerst Handelnden. Die Begegnung mit ihm gibt den Anstoß zur Umkehr. Der ewige Friede ist das wiederhergestellte Einvernehmen zwischen Mensch und Gott, das unmittelbar positiv auf zwischenmenschliche Beziehungen abfärbt. Pate steht hier der Friedenskönig aus Jesaja 9,6 (Lesung der ersten Weihnachtsmesse) und Psalm 72, der als Antwortpsalm fast ausschließlich in der Advents- und Weihnachtszeit begegnet.

Strophe drei und vier sind fast wörtlich Jesaja 35,5–7 entnommen:

 

5 Dann werden die Augen der Blinden geöffnet, auch die Ohren der Tauben sind wieder offen. 6 Dann springt der Lahme wie ein Hirsch, die Zunge des Stummen jauchzt auf. In der Wüste brechen Quellen hervor, und Bäche fließen in der Steppe. 7 Der glühende Sand wird zum Teich und das durstige Land zu sprudelnden Quellen. An dem Ort, wo jetzt die Schakale sich lagern, gibt es dann Gras, Schilfrohr und Binsen.

 

Das Bild von Wüste und Wasser lässt sich im Anschluss an die zweite Strophe auch als innere Armut und Hilfsbedürftigkeit des Menschen deuten. „Aber reiche Ströme göttlicher Gnade werden das ausgetrocknete Menschenland tränken und aus ihm eine Fülle von Fruchtbarkeit sprießen lassen.“ (Friedrich Dörr in Werkbuch I, S. 112) Die messianischen Zeichen, die der Prophet Jesaja hier anführt, bezieht schließlich auch Jesus auf sich, wenn er die Frage der Jünger des Johannes nach seiner Sendung beantwortet. Das Bild vom Weg in der Wüste, von dem Johannes spricht, ist ebenfalls bereits in Jesaja 35,8–10 angelegt. Auf der Straße in der nun grünenden Wüste „gehen die Erlösten. Sie kehren zurück und kommen voll Jubel nach Zion.“ Ihr Ziel – und hier geht Dörr über das Prophetenwort hinaus und öffnet einen neuen Ausblick – ist das Mahl der Seligkeit, das himmlische Hochzeitsmahl, für das die Eucharistie ein Vorgeschmack ist.

 

Verbreitung und Verwendung

Das Lied wurde erstmals 1971 in *EGB 7 publiziert. Es erschien 1975 in *Gotteslob 1, 1980 im *katholischen, 1995 im *evangelischen Militärgesangbuch sowie in der *bayerischen Ausgabe des Evangelischen Gesangbuchs (1994). Obwohl es in allen Gesangbüchern unter Advent rubriziert ist, bieten sich auch Verwendungsmöglichkeiten im Kontext von Buße (2. Str.) oder Abendmahl (5. Str.) an. Gottes universaler Heilswille schlägt sich besonders im Refrain nieder, was das Lied für Missionsanliegen geeignet erscheinen lässt. Und nicht zuletzt vermag es Menschen in leiblichen oder seelischen Nöten Trost zu spenden.


publiziert in:
Die Lieder des Gotteslob. Geschichte–Liturgie–Kultur, Stuttgart 2017

Literatur:

Redaktionsbericht zum Gotteslob, S. 172.

Werkbuch zum Gotteslob I, S. 111f.