Verehrung, Gebet und noch viel mehr

Weihrauch bei der Wort-Gottes-Feier

Einst war die Verwendung von Weihrauch durch die Rubriken genau geregelt. Seit der Liturgiereform des Zweiten Vatikanischen Konzils ist sie fakultativ und für alle Gottesdienste gestattet. Noch immer haftet jedoch dem Weihrauch das Etikett „feierlich“ an – er wirkt wie ein Accessoire zur Hebung der Festlichkeit. Der selbstverständliche Umgang mit Weihrauch in der Wort-Gottes-Feier kann helfen, dieses Vorurteil abzubauen und sich wieder der wahren Symbolik des duftenden Rauchs zuzuwenden.

Grundlage der nachfolgenden Überlegungen sind die Bücher zur Wort-Gottes-Feier: Das Werkbuch für die Sonn und Festtage aus dem Jahr 2004 (WGF) sowie das Werkbuch für die Wochentage „Versammelt in Seinem Namen“ von 2008 (VISN). Seitenblicke in die beiden Publikationen aus der Schweiz (WGFds 1997 und 2014) ergänzen das Spektrum. Die Bücher offenbaren eine gewisse Unentschiedenheit bei der Deutung des Weihrauchs in liturgischen Vollzügen. Dies dürfte nicht zuletzt ein Spiegelbild der gottesdienstlichen Realität sein.

 

Situation und Deutung

Aus der Messfeier entlehnt sind zunächst die Weihrauchriten der Einzugs- und der Evangelienprozession. Von ihnen ist in der Pastoralen Einführung bzw. im Einleitungskapitel die Rede. Beim Einzug ist der Weihrauch zusammen mit den Leuchtern dem Kreuz an der Spitze der Prozession zugeordnet, und auch die Weihrauchriten rund um das Evangelium entsprechen denen der Messfeier: Das Rauchfass wird in der Prozession mit dem Evangeliar zum Ambo mitgetragen. Dort wird das Buch nach der Ankündigung des Evangeliums beräuchert.

Ebenfalls aus vergleichbaren Situationen anderer Gottesdienstformen ableitbar ist die Verwendung des Weihrauchs bei der Übertragung des Allerheiligsten, falls an die Wort-Gottes-Feier eine Kommunionspendung angeschlossen wird. Er wird bei der Prozession mitgetragen, und nach der Ankunft am Altar kann das Allerheiligste dort inzensiert werden. Weil die Übertragungsprozession in vielen Kirchen nur aus wenigen Schritten bestehen dürfte, kann sich ein geordneter Zug oft kaum entfalten. Dennoch sind die differenzierten Angaben zur Prozessionsordnung bemerkenswert: Rauchfassträger, zwei Ministranten und Leiter auf dem Hinweg, zwei Ministranten mit Leuchtern, Rauchfassträger und Leiter mit der Hostienschale auf dem Rückweg. Damit ist der Weihrauch eindeutig auf die Verehrung des Allerheiligsten bezogen.

Im Rahmen von „Segnungen, die zum Sonn-(Fest-)tag gehören“ wird auf das Benediktionale verwiesen, Weihrauch aber ausdrücklich als Möglichkeit erwähnt.

Kommunionfeiern und Segnungen sind im Rahmen von Wort-Gottes-Feiern an Wochentagen nicht vorgesehen. Dass aber das einschlägige Werkbuch auch über eine Weihrauchverwendung im Rahmen der Einzugs- oder der Evangelienprozession schweigt, zeigt, wie tief die Vorstellung sitzt, Weihrauch diene der Verfestlichung von Gottesdiensten und sei daher am Wochentag obsolet.

Als Zeichen des Gebets wird er jedoch empfohlen: „Besonders nachdrücklich wird der Weihrauch als Symbol des Gebetes erfahren, wenn er zum Allgemeinen Gebet der Gläubigen hinzukommt.“ (WGF 197) Entsprechend kennen beide Werkbücher zwar die Verwendung von Weihrauch zu den Fürbitten, allerdings fehlt sie im Buch für die Wochentage bei der Wort-Gottes-Feier und ist dort nur im Rahmen der abendlichen Tagzeitenliturgie vorgesehen. Der Ritus ist in beiden Fällen gleich: Die Antiphon Wie Weihrauch steige mein Gebet vor dir auf (sonntags auch: Vom Aufgang der Sonne bis zum Untergang) leitet die Fürbitten ein. Dazu und bei jeder Intention kann Weihrauch auf die Kohle gestreut werden.

Ein eigener Abschnitt des Einleitungskapitels von WGF erläutert die Bedeutung der „Weihrauchspende“, deren Ablauf am Schluss des Buches unter „Zeichenhandlungen“ genauer erklärt wird. Weihrauch wird hier im Anschluss an das Benediktionale zunächst „Ausdruck festlicher Freude und feierlichen Gebetes“ genannt. Dann aber kommen weitere zeichenhafte Dimensionen des Weihrauchs in den Blick: Weihrauch kann „Zeichen der Verehrung und Anbetung“ sowie „der Umkehr und Reinigung“ sein (WGF 31, Nr.45). Das Buch für die Wochentage übernimmt diese Deutung im Rahmen der Erläuterung der liturgischen Zeichenhandlungen. Bei den Einführungen zur Zeichenhandlung selbst setzen beide Werkbücher allerdings unterschiedliche Schwerpunkte. Bei der sonntäglichen „Weihrauch-Spende“ erfährt man, dass Weihrauch auch als „Wohlgeruch Gottes“ gedeutet werde (WGF 196). Das wochentägliche „Darbringen von Weihrauch“ hingegen sei ein „sichtbarer Ausdruck des dankenden Gebetes für die Hingabe Jesu am Kreuz Im Gebet und in der Haltung der Anbetung erbittet die Gemeinde von Gott Heiligung und Versöhnung.“ (VISN 389). Während Ersteres auf Duftereignisse im Rahmen von Theophanien anspielt, bezieht sich Letzteres auf die inhaltlichen Zuschreibungen von Abend- bzw. Morgengebet als Gedächtnis von Tod bzw. Auferstehung Jesu.

Festzuhalten ist, dass mit Gebet, Verehrung und Reinigung hier erstmals in liturgischen Büchern die grundlegenden Bedeutungen des Weihrauchs gemeinsam genannt sind. Die Ergänzung um „festliche Freude“ ist wohl ein Zugeständnis an die Tradition, nach der Weihrauch jahrhundertelang ein Attribut ausschließlich besonders feierlicher Gottesdienste war. Inzwischen kommt glücklicherweise vermehrt die ursprüngliche Symbolik des Weihrauchs in den Blick.

Dies wird deutlich, wenn man die weiteren Einsatzmöglichkeiten innerhalb der Wort-Gottes-Feier betrachtet: beim „Lobpreis, bei den Fürbitten, in Verbindung mit Psalm 141, bei einer Bußfeier“ (WGF 31, Nr.45). Dass in dieser Aufzählung die Weihrauchverwendungen bei der Einzugs-, Evangelien- und Sakramentsprozession fehlen, darf nicht verwundern, handelt es sich doch um einen grundsätzlich anderen Ritus. Während bei den Prozessionen ein Rauchfass vorangetragen bzw. mit ihm inzensiert wird, ist hier an ein feststehendes Räuchergefäß gedacht, aus dem der Weihrauch frei aufsteigt. Dieses ist übrigens keinesfalls auf dem Altar, sondern bestenfalls vor ihm bzw. an einem anderen zentralen Ort aufzustellen, damit die Zeremonie nicht an ein Weihrauchopfer erinnert. Ähnliches gilt für das Erheben der Schale zur Antiphon, wie es das Werkbuch empfiehlt. Das Räucherbecken sollte übrigens eine gewisse Größe besitzen, damit es im Kirchenraum gut sichtbar ist.

 

Symbolik des Ritus

Bei der Fülle der genannten Deutungen ist es nicht leicht, im liturgischen Vollzug eine eindeutige Symbolik aufzurufen. Der aus einer Schale aufsteigende Weihrauch ist nach Ps 141,2 und Offb 5,8; 8,3 primär Zeichen des Gebets. Der im Rauchfass vorangetragene oder entgegengeschwungene Weihrauch ist historisch herleitbares Zeichen der Verehrung. Zum Symbol von Reinigung wird der Weihrauch hauptsächlich durch den Kontext. Beim Lobpreis steigt das verherrlichende Gebet zusammen mit dem Weihrauch auf. Bei den Fürbitten unterstreicht der Weihrauch das inständige Bitten. Bei einem Bußritus kann der Weihrauch Zeichen für das Aufweichen von Verhärtungen und Verkrustungen (Harz) vor dem Angesicht des liebenden Gottes (Kohle) sein. Feuer und Rauch sind aber auch ganz ursprüngliche Symbole für Reinigung, während der Duft für Heilung steht. So kann die rituelle Handlung zwar einen Hinweis auf die Deutung geben, die dem Weihrauch beigelegt wird, doch empfiehlt es sich, diese auch verbal zu thematisieren.

Die im Werkbuch beigegebenen Textvorschläge führen leider teilweise in eine fragwürdige Richtung. Dies beginnt mit den Bezeichnungen „Weihrauch-Spende“ und „Darbringen von Weihrauch“. Entsprechend formuliert das Einladungswort zum Lobpreis Unser Lobpreis soll als festliche Gabe zu Gott emporsteigen. Auch wenn eine ähnliche Formulierung aus dem Exsultet (dort mit Blick auf die Osterkerze) angeführt werden könnte, führt die Begrifflichkeit doch in den Dunstkreis von Naturaloblationen, die das Christentum seit Anbeginn strikt ablehnt. Es wäre unverfänglicher, neutral von „Weihrauchritus“ zu sprechen.

Bemerkenswert ist ferner die im genannten Einladungswort begegnende Formulierung Wie Weihrauch zum Himmel aufsteigt, so mögen auch wir unsere Herzen zu Gott erheben (WGF 196). Der Wegfall des ansonsten für Hochgebete – und keine andere Rolle hat der Lobpreis innerhalb der Wort-Gottes-Feier – typischen Einleitungsdialogs (Erhebet die Herzen! – Wir haben sie beim Herrn!) soll nun offenbar durch den Weihrauch substituiert werden.

Überraschend ist auch der Gedanke, den die Einleitung zum Bußritus einführt: Wie der Duft des Weihrauchs diesen Raum erfüllt, so durchdringe und heile die Liebe Christi neu unser Leben (WGF 198). Der Duft steht also im weitesten Sinne für Gottesgegenwart, seinen alles erfüllenden Geist, für den „Wohlgeruch Gottes“. Im anschließenden Gebet wird Weihrauch nach der eröffnenden Antiphon aus Ps 141,2 zunächst als Zeichen des Gebets apostrophiert. Der zweite Abschnitt stellt eine Beziehung zwischen dem sich verzehrenden und dadurch Duft verströmenden Weihrauch und dem Opfer Christi her, der sich selbst dargebracht hat zu unserem Heil. Der dritte Abschnitt schließlich verbindet wie das Eröffnungswort den Duft mit der Liebe Christi und der Neuschöpfung im Heiligen Geist. Einzig der Abschluss des Gebetes vereinnahmt den Weihrauch wieder als Opfer und Gabe, dir zu lieblichem Wohlgeruch. Insgesamt ist es dennoch ein mustergültiges Beispiel für ein Gebet, in dem Weihrauch nicht nur als „Aufhänger“ benutzt wird, sondern seine symbolische Vielfalt regelrecht durchdekliniert wird.

 

Perspektiven

Obwohl der Weihrauch immer wieder als Zeichen der Verehrung benannt wird, fehlt interessanterweise ein Hinweis auf einen entsprechenden Ritus im Rahmen der „Verehrung des Wortes Gottes“. Sicher wäre es auch hier angemessen, dass eine Verehrungsgeste nicht nur durch Kuss oder Berührung, durch Kniebeuge oder Verneigung ausgeführt wird, sondern dass die Gläubigen vor dem Evangeliar auch Weihrauch auflegen können.

Voraussetzung dafür ist die Inthronisierung des Evangeliars an einem besonderen „Ort des Buches“ nach dem Verkündigungsteil. Das Werkbuch impliziert eine solche nach dem Evangelium, während das Halleluja bzw. der Christusruf von der Gemeinde wiederholt wird. Am Ort des Buches werden Evangeliar, Lektionar oder Bibel nach dem Einzug niedergelegt. Hier könnte das Buch zum Abschluss der Einzugsprozession auch inzensiert werden. Von dort wird das Buch zum Verkündigungsort geleitet und im Anschluss an das Evangelium dorthin zurückgebracht. Hier bleibt es geöffnet „als Zeichen der bleibenden Gegenwart Christi“ (WGFds 2014, 19, Nr. 51). Das Schweizer Liturgiebuch zur Wort-Gottes-Feier, das diesen Begriff „Ort des Buches“ eingeführt hat, erklärt näher, dass dieser für alle Mitfeiernden gut sichtbar sein und sich im vorderen Raumbereich in einem gewissen Abstand von Ambo und Altar befinden solle. Auszugehen ist also von einem Pult bzw. Ständer, der durch Leuchter (in der Osterzeit durch die Osterkerze) und anderen Schmuck hervorgehoben werden kann. Je nach Raumdisposition kann auch der Altar oder ein Seitenaltar zum Ort des Buches werden. Auch entstehen inzwischen künstlerische Korrelationen zwischen Tabernakel und Ort des Buches, etwa als Kombination oder in polarer Anordnung. Dadurch wird veranschaulicht, dass Christus in vielfältigen Zeichen in seiner Gemeinde gegenwärtig ist.

Ähnlich wie die Frage nach dem Buch – stärkere Betonung der Christussymbolik einerseits durch ein Evangeliar oder der Einheit der Schrift andererseits durch eine „Lesungsbibel“ – ist auch der Zeitpunkt der Prozession in der Diskussion. Wäre es nicht sinnvoll, statt erst zum Evangelium bereits zu Beginn des Wortgottesdienstes in Prozession vom Ort des Buches zum Ort der Verkündigung zu ziehen? Der kleine Einzug der byzantinischen Liturgie könnte dafür ein Beispiel sein.

Dadurch dass die Christusrufe in der Wort-Gottes-Feier deutlicher noch als in der Messe wieder ihr ursprüngliches Profil bekommen, wäre auch hier der Einsatz von Weihrauch denkbar – als Lobpreis und Huldigung an den in seiner Gemeinde gegenwärtigen Herrn, den sie mit dem Ruf „Kyrie eleison“ in ihrer Mitte begrüßt. Idealerweise steigt der Weihrauch dann vor dem Vortragekreuz auf, das die Einzugsprozession anführte. Dadurch bekäme auch das Hereintragen von Weihrauch an der Spitze der Einzugsprozession einen vernünftigen Abschluss, analog zur Altarinzens der Messfeier.

 

Im Rahmen der Wort-Gottes-Feier lassen sich somit zahlreiche Gelegenheiten finden, die Symbolik des Weihrauchs zu nutzen. Sie erschöpft sich – wie zu sehen war – nicht in Verehrung, Gebet und Reinigung, sondern umfasst auch Aspekte von Versöhnung, Hingabe und Gottesgegenwart. Passende Riten unterstreichen diese Zeichenhaftigkeit und machen unsere Gottesdienste sinnenhafter.


publiziert in:
Gottesdienst 53 (2019) 22f, 34f

Zum Thema

Buchcover "Der Weihrauch" (2018)

Michael Pfeifer

Der Weihrauch

Geschichte, Bedeutung, Verwendung